Leseprobe aus "Geschändet - Die traurige Kindheit von Lara R."

Buchcover Schnuggi

Cover des Buches "Geschändet - Die traurige Kindheit von Lara R." von Mia Dalmasso

TEIL I - Familie und Heimat

Berglandschaft

Mächtig steht es da, das stattliche, ehemalige Bauernhaus, auf einer kleinen Anhöhe. Über den restlichen umliegenden Gebäuden thront es stellvertretend für seine Macht, die von ihm ausgeht. Herabschauend auf all die Landanteile, welche zum Hof gehören und mittlerweile an andere Bauern verpachtet sind.

Die Anhöhe bietet 100 Meter dahinter zwei Sitzbänke, welche zum Verweilen einladen und einen ausgezeichneten Ausblick auf die Berge ermöglichen. Gerne mag ich mich an die vielen Stunden erinnern, welche ich auf einem dieser Bänke verbracht habe. Vielfach allein, zuweilen auch mit anderen Gleichaltrigen.

Umrandet von Tannen sehe ich ein kleines Stück vom Thunersee - die Stadt Thun selbst liegt hinter den dichten Wäldern verborgen. Eine junge Linde ziert die Spitze der Anhöhe. Sie wurde vor Jahren durch meine Heimatgemeinde ersetzt, da ein Blitz den uralten, stattlichen Baum in einem Sekundenbruchteil zerstörte. Diese Linde dient als Wahrzeichen der Gemeinde und steht auf unserem Land, darum wurde diese nach dem Einschlag kostenlos ersetzt.

Das Haus ist unterteilt in den Teil des Bauernhofes, der nur noch als Lager für Gerätschaften und Fahrzeuge dient, angrenzend zwei übereinanderliegende Wohnungen. In der oberen Wohnung war ich mit meiner Mutter und deren neuem Lebenspartner zu Hause.

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Direkt unter uns wohnten die „neuen“ Großeltern, die Eltern meines späteren Stiefvaters. Den „Stief-Großpapa“ würde ich im Nachhinein als typisch arbeitsamen, harten ehemaligen Berg-Bauern bezeichnen.

Seine Ehefrau, meine spätere „Stief-Großmutter“, ist eine liebenswerte Person, welche mich schützte, wenn ich was angestellt hatte. Zusammen mit ihr habe ich viel Zeit verbracht, da Mama und ihr Freund ja ständig auswärts am Arbeiten oder an den Wochenenden auf dem Campingplatz waren.

Ja, wenn man auf den Bergen aufwächst, da funktioniert alles anders und man muss taff sein. Die harten Winter verlangen viel von einem ab. Dafür wird man belohnt mit Frieden ausstrahlender, unberührter Natur und einem der schönsten Ausblicke in der Schweiz.

Die eher steile Holztreppe führt an der Seite zur Wohnung meines früheren Zuhauses. Die Eingangstüre mit einem Windfang drum herum gebaut, der dem zeitweise grausamen und eisigen Wind entgegen strotzt. Das Fliegengitter vor der Türe, welches seine Arbeit an schwülen Sommertagen erledigt, gehört zur Haustüre mit den 8 viereckigen Milchglasscheiben.

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Man gelangt nach dem Öffnen dieser Türe direkt in die Küche, dem Hauptort vieler alten Bauernhäuser. Diese ist eher langgezogen, auf der rechten Seite die neuere Küchengarnitur, an deren Ende der uralte Holzofen steht, welcher immer noch zum Heizen und Kochen dient.

Hinten nach der Küche befindet sich das Bad, mit Badewanne, Toilette, Waschbecken sowie Waschmaschine und Wäschetrockner. Das Fenster im Bad gewährt nicht etwa einen Ausblick auf die atemberaubende Berglandschaft, sondern einen Blick in den angebauten Teil des Bauernhauses, in dem früher Maschinen und Geräte aufbewahrt wurden. Mittlerweile dient es als Garage für unsere Fahrzeuge.

Vor dem Bad gibts ein Reduit und auf der linken Seite folgt zuerst die steile, abgewinkelte Treppe fürs Obergeschoss, dort befindet sich das Schlafzimmer von Mutter und meinem Stiefvater, dem „eigentlichen“ Besitzer des Bauernhauses, ein Gästezimmer sowie ein Arbeitszimmer mit Durchgang zur Heubühne.

Links gegenüber der Küche liegt die niedliche, mit Holz ausgestattete Stube mit dem riesigen Schwedenofen, an welchem ich mich als Kind in harten Wintern gerne aufgewärmt habe.

Vorne links, direkt nach der Treppe - da ist es, mein Kinderzimmer. Das nach Holz riechende, rustikal gehaltene Zimmer mit direktem Ausgang zur Laube, welche um die Hälfte des Hauses reicht und eine atemberaubende Sicht auf die gesamten Alpen ermöglicht. Das Zimmer, in welchem ich in wenigen Jahren nach meiner Geburt die jahrelang andauernden Misshandlungen schweigend über mich ergehen lassen musste.

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Bis heute wird mir warm ums Herz, wenn ich alte Bauernhäuser vom Auto aus beim Vorbeifahren entdecke. Durch den Anblick von außen kann ich mir die sich darin befindlichen Wohneinheiten genau vorstellen.

Das bin also ich: Lara, „Bergler“ oder „Hinterwäldler“ wie ich später gerne von Mitschülern genannt wurde. Taff, betörend, aufregend, selbständig und stets korrekt und anständig.

In der Schule wurde ich oft gemobbt: »Geh weg, Du stinkst« - Ja, ich bin mir dem bewusst. Es fällt mir ja auch auf. Ich fühle mich so bloßgestellt.

Was sollte ich machen, wenn mein Stiefvater mir nur höchstens einmal pro Woche erlaubte, mich zu duschen oder zu baden, obwohl ich von klein auf eine Wasserratte bin. Ich wäre am liebsten jeden Tag im Wasser.

Wenn der „Herr“ der Meinung war, ich würde zu viel Wasser verschwenden und somit unnötig Geld kosten blieb mir ja nichts anderes übrig als dies zu akzeptieren.

Zwischendurch war das Mobbing in der Schule so hart, dass ich weinend nach Hause kam. Hilflos den Stiefvater anbettelte, mich doch ganz kurz duschen zu lassen. Entweder hieß es: »Hmm ... Du hast am Montag schon geduscht. Nein, es ist noch zu früh«. Oft bekam ich in solchen Situationen, wie zeitweise bald täglich eine Ohrfeige, weil ich den „Herrn“ bei irgendetwas Wichtigem mit aus seiner Sicht unnötigen Fragen störte.

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Ich versuchte, in den Pausen zwischen den Lektionen ab und zu die notwendigsten Körperreinigungen vorzunehmen. Sobald dies einigen Mitschülern aufgefallen ist, wurde ich noch mehr gehänselt und ausgespottet. Ich ließ es irgendeinmal resignierend sein.

Im Sommer war es einfacher, da konnte ich mich am kühlen, glasklaren Wasser vom Bächlein in der Nähe der Schule erfrischen. Wenn es kälter wurde, war ich immer wieder dem Hohn meiner Schulkollegen ausgesetzt. Es traf mich jeweils, wie wenn ich mit tausenden Nadeln gleichzeitig von allen Seiten her gestochen würde. Bereits früh erkannte ich, dass Worte genauso Schmerzen bereiten, wie die zahlreichen Schläge meines Stiefvaters.

Mit Mutter lebe ich im ehemaligen Elternhaus des Stiefvaters. Direkt über der Wohnung seiner Eltern. Meine leiblichen Großeltern mütterlicherseits wohnten im 30 Minuten entfernten Kehrsatz. Mein Vater, von dem sich meine Mutter leider getrennt hat, als ich 1 Jahr alt war, lebt dann nochmals weiter weg zusammen mit seiner neuen Partnerin im Schweizer Mittelland.

Seine Eltern, also meine Großeltern väterlicherseits, die in einer Berner Vorortsgemeinde wohnen, haben zuvor ihr Leben direkt am Thunersee verbracht.

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Diese Großeltern sind das Gegenteil von den Eltern meiner Mutter. Als Bergler sind mir ihre Ansichten bis heute zeitweise fremd, wir unterscheiden uns sehr, was Lebensstil und Einstellung angeht. Dennoch sind sie sehr herzlich zu mir und ich denke oft daran, dass diese ein Teil meiner Familie sind und beigetragen haben, dass ich überhaupt existiere.

Mein Vater wächst zuerst am Thunersee auf, zieht jedoch aus beruflichen Gründen schon sehr früh nach Bern. Mit meiner Mama ist er bereits seit der Schulzeit bekannt und spätestens seit seiner Ausbildung zusammen.

Er ist mein Vorbild, er arbeitet sehr viel, ist erfolgreich bei allem, was er tut und sehr pflichtbewusst. Gönnt sich dafür auch dieses und jenes und wovon andere Träumen, besitzt er. Ein Haus, Ferienhaus am Thunersee, ein Schiff, Schwimmbad zu Hause und Whirlpool, teure Autos und noch weitaus mehr.

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Ich muss schon zugeben, dass ich recht beeindruckt bin über seinen Lebensstil, den er sich hart erarbeitet hat. Zudem ist er ein richtig cooler Daddy, optisch wie auch charakterlich. Auch begeistert es mich sehr, dass ich durch ihn in den Genuss zahlreicher Verlockungen komme, die andere sich niemals in so einer Situation leisten könnten.

Erst später erkenne ich, dass der Hass, den mein Stiefvater mich täglich spüren ließ, wohl zunehmend in einer krankhaften Eifersucht mangels Selbstvertrauen seine Nahrung fand. Er, der es im Leben nie zu etwas mehr als „knapp durchschnittlich" bringen würde, nicht so wie mein Daddy.

Kurz nachdem ich geboren wurde, trennte sich meine Mutter vom Vater. Bis heute höre ich von meinen leiblichen Eltern unterschiedliche Versionen bezüglich der Trennung.

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Meine Mutter besteht darauf, dass sie mit ihrem damaligen Freund, dem jetzigen Ehemann, erst viel später nach der Trennung zusammenkam. Mein Vater erwähnte bei Gelegenheit, dass zahlreiche SMS und Anrufe vom Handy meiner Mutter wohl das Gegenteil beweisen und der Kontakt zwischen den Beiden wohl allerspätestens direkt nach meiner Geburt bestand. Zumindest während der Zeit direkt nach meiner Geburt, als wir zusammen die Ferien verbracht haben. Damals war ich gut 1 Jahr alt.

Ich habe fast 22 Jahre lang diesen Umstand mit mir getragen. Nie einen der beiden diesbezüglich angesprochen. Wenn Menschen, die ich vergöttere, zwei verschiedene Aussagen auf dieselbe Frage machen, so lügt eine dieser Personen mich an.

Aus Angst vor der Antwort bin ich dieser Angelegenheit lange aus dem Weg gegangen. Eher durch Zufall habe ich kürzlich erfahren, wer mich über all die Jahre angelogen hat. Es blieb wohl nicht nur bei dieser einen Lüge.

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Das erste Lebensjahr verbrachte ich deshalb mit meiner inzwischen von meinem Vater getrenntlebenden Mutter für kurze Zeit bei ihren Eltern in Kehrsatz. Darauf für ein paar Monate in einem naheliegenden Mehrfamilienhaus.

Irgendwann mal sind wir zusammen ins Bauernhaus von meinem späteren Stiefvater umgezogen. Vermutlich war ich da wohl knapp 2 Jahre alt.

Schon als zweijähriger Knirps lernte ich den verwerflichen Charakter meines Stiefvaters kennen. Die allerersten Worte von ihm, an die ich mich zu erinnern vermag, waren, als er sich im Bad dem Haarspray meiner Mutter bemächtigte.

Ich konnte kaum richtig sprechen, machte ihn aber in kindlicher Art darauf aufmerksam, dass es das Haarspray meiner Mutter sei.

Seine Antwort darauf war zu dieser Zeit schon prägend: »Natürlich, Deine Mama und ich teilen alles zusammen - außer Dich«.

Fortsetzung...

Dies ist ein Auszug aus dem Buch "Geschändet - Die traurige Kinheit von Lara R." von Mia Dalmasso.
Die vollständige Leseprobe und das Buch sind auf der Hauptseite erhältlich.

Über das Buch

"Geschändet - Die traurige Kindheit von Lara R." ist die bewegende Geschichte eines Mädchens, das in einer idyllischen Berglandschaft aufwächst, hinter deren malerischer Fassade sich Jahre des Leidens und der Misshandlung verbergen. Erzählt aus der Perspektive von Lara, die ihren einzigen Trost in ihrem Stoffteddy Schnuggi findet, gewährt dieses Buch einen tiefen Einblick in die Mechanismen von familiärer Gewalt und die langfristigen Folgen von Trauma.

Das Buch zeigt aber auch die Kraft der Resilienz und die Bedeutung von Hoffnung. Es ist eine wichtige Lektüre für alle, die verstehen wollen, wie Kinder Gewalt erleben und überleben, und bietet Betroffenen das Gefühl, nicht allein zu sein.

Mia Dalmasso

Über die Autorin

Mia Dalmasso hat ihre eigenen Erfahrungen mit Kindheitstrauma verarbeitet und gibt mit diesem Buch anderen Betroffenen eine Stimme. Sie lebt in der Schweiz und engagiert sich für Opfer von häuslicher Gewalt. Mit "Geschändet - Die traurige Kindeheit von Lara R." möchte sie aufklären, sensibilisieren und zeigen, dass Heilung möglich ist.

Kontakt: miadalmasso@gmx.ch

Website: miadalmasso.com